New article: Impact of the DRG-based reimbursement system on patient care and professional practise: perspectives of Swiss hospital physicians

Ärztebefragung zu den Auswirkungen der DRG-basierten Spitalfinanzierung in der Schweiz Link "Swiss Medical Weekly"

Seit 2012 werden die Schweizer Spitäler über Fallpauschalen finanziert und haben dabei keine Defizitgarantie der Kantone mehr. In einer Studie des Instituts für Biomedizinische Ethik wurden Ärzte und Ärztinnen befragt, wie sie die Patientenversorgung und die tägliche Arbeit im Spital einschätzen. Trotz einer hohen Versorgungsqualität gibt es Problemfelder, die man im Auge behalten sollte.

Vor drei Jahren wurde das Spitalfinanzierungssystem SwissDRG in der gesamten Schweiz eingeführt. Viele Diskussionen über mögliche Effekte einer zunehmenden Ökonomisierung der Medizin gingen voraus und begleiten weiterhin die öffentliche Debatte. Prinzipiell ist eine Steigerung der Effizienz der Abläufe in der Gesundheitsversorgung ein lohnendes Ziel, zu dem sich die Ärzteschaft bekennt; ihr Primärziel ist jedoch die bestmögliche individuelle Versorgung der Patientinnen und Patienten.

Da das neue Finanzierungssystem den Spitälern verschiedene finanzielle Anreize setzt, die sich positiv auf die Bilanz auswirken können, kann es zu Interessenkonflikten von Ärzten kommen, die sich durch die Gewinnziele in ihrer beruflichen Entscheidungsfreiheit eingegrenzt fühlen können. In einer schweizweiten Befragung von 382 Ärzten von August bis September 2013 gaben die Teilnehmenden an, dass sie sich bei medizinischen Entscheidungen tendenziell mehr von den finanziellen Interessen ihrer Spitäler beeinflussen lassen als sie es mit Blick auf das Patientenwohl möchten.

Es wurden auch mit Fallpauschalen in Zusammenhang gebrachte Fehlentwicklungen erfragt wie zu frühe Entlassungen, case splitting (Aufteilung der medizinischen Behandlung auf zwei Aufenthalte, obwohl einer ausreichend wäre), cherry picking (bevorzugte Behandlung von Patienten mit lohnenswerten Fallpauschalen und Abweisung von Patienten mit unlukrativen Fallpauschalen) und Überbehandlung (medizinische Behandlung bei fehlender Indikation, weil es Geld bringt). Diese Fehlentwicklungen sind durchaus präsent nach der Einschätzung der Teilnehmenden, auch wenn man zur Zeit eher von einer moderaten Häufigkeit ausgehen kann. Wie sich dies in der Zukunft entwickelt, ist ungewiss.

Aus Sicht der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte wurden die Ziele der Spitalreform, Effizienz zu schaffen und Prozesse zu optimieren, bisher nicht erreicht. Patientinnen und Patienten sollten durch die Reform profitieren; gemäss den Studienteilnehmenden schätzte jedoch jeder fünfte ein, dass sie seit Beginn des Jahres 2012 weniger Zeit für Kontakte und Gespräche mit Patienten und Angehörigen verwenden, und jeder vierte gab an, dass sich die patientenorientierte Versorgung verschlechtert hat.

Ein fest etabliertes Monitoring würde ermöglichen, Problemfelder frühzeitig aufzudecken, damit das Patientenwohl auf dem Weg zu mehr Effizienz nicht auf der Strecke bleibt.

Die Studienteilnehmenden schätzen die derzeitige Qualität der Patientenversorgung bislang als hoch ein. Gerade deswegen ist es sinnvoll, die Auswirkungen der Spitalreform langfristig zu untersuchen, damit es zu keinen unerwünschten Einbussen kommt. Dabei lassen sich bestimmte Fehlentwicklungen nur durch regelmässige Ärztebefragungen aufdecken, da sich z.B. Überbehandlungen oder vermehrter ökonomischer Druck schwer durch andere Erhebungen nachweisen lassen. Nach Möglichkeit sollten diese Erhebungen in das reguläre Qualitätsmanagement von Spitälern integriert werden. Ob das DRG-basierte Finanzierungssystem dabei hilft, an den richtigen Stellen Kosten einzusparen, muss sich in Zukunft erweisen.

Literatur
Margrit Fässler, Verina Wild, Caroline Clarinval, Alois Tschopp, Jana Fähnrich, Nikola Biller-Andorno. Impact of the DRG-based reimbursement system on patient care and professional practice: perspectives of Swiss hospital physicians. Swiss Medical Weekly 2015;145:w14080.

Kontakt
Dr. Margrit Fässler/Prof. Dr. Dr. Nikola Biller-Andorno Institut für Biomedizinische Ethik Universität Zürich Tel. +41 44 634 40 80 E-Mail: Margrit Fässler, Nikola Biller-Andorno

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